Laudatio zur Verleihung des Adolf Klima-Stipendiums an Jan Budňák aufgrund der Dissertation „Das Bild der Tschechen in der deutschböhmischen und deutschmährischen Literatur“, vorgelegt am Lehrstuhl für Germanistik der Palacký-Universität Olmütz.

 

Die heute durch das Klima-Stipendium auszuzeichnende germanistische Arbeit aus Olmütz, begutachtet von Prof. Dr. Ingeborg Fiala-Fürst von der Universität Olmütz und von Mag. Dr. Christian Neuhuber vom Institut für Germanistik an Universität Graz, ist eine auch sprachlich höchst bemerkenswerte Frucht der Forschungsvorhaben an der Arbeitsstelle für mährische deutschsprachige Literatur am Lehrstuhl für Germanistik an der Universität Olmütz, wo der Verfasser seit 2000 als Leiter des Recherche-Teams der Arbeitsstelle mit der Auffüllung und Netz-Veröffentlichung einer Datenbank über 1.200 tschechische Gestalten der deutschsprachigen Literatur beschäftigt war. Die Behandlung spezifischer Oeuvres (Kapitel 2) und Charaktertypen (Kapitel 3) in der deutschsprachigen Literatur der so genannten Böhmischen Länder (der heutigen Tschechischen Republik) im 19. und 2o. Jahrhundert – nach einem sehr minutiösen allgemeinen Einführungskapitel über den zu verwendenden Stereotyp-Begriff und über die rege Stereotyp-Forschung, fast einer Arbeit für sich (Kapitel 1) – kann und muss so immer auch vor dem Hintergrund des weit umfassenderen Quellenkorpus gesehen werden, und von diesem latent vorhandenen Wissen aus ist zu ermessen, welche Schwierigkeiten die notwendige Auswahl gemacht haben muss und ihre genaue Begründung gemacht haben müsste. Aber die Präsentation überzeugt weitestgehend durch sich selbst, vor allem, indem die konkreten interpretatorischen Zugriffe auf die fremdbildhaltigen Einzelwerke und illustrativen Einzelcharaktere in den beiden langen und entsprechend ertrag-, informations-. und perspektivenreichen und dabei gut lesbaren literaturgeschichtlichen beziehungsweise literaturanalytischen Hauptteilen 2 und 3 immer in sich schlüssig um Ausgewogenheit, Differenzierung und Plausibilität bemüht sind, stets in Anbetracht des permanent erinnerten Hauptanliegens, dem Aufweis charakteristischer mentaler Muster und Prägungen in den untersuchten nationalen Fremd- und Feindbildern. Nahe liegend, dass die Auswahl auch weitgehend unbekannte Texte präsentiert und erfreulich, dass auch die Abfolge der Interpretationen beziehungsweise die Gliederung bei näherem Zusehen ungemein besticht. Die methodologischen Vorüberlegungen im sehr differenzierten und weit ausgreifenden allgemeinen ersten Kapitel ;Das literarische Bild einer Nation’ über die Forschungssituation bezüglich .Stereotyp und Gruppe’ und ,Stereotyp und Text’ beziehungsweise .Kontextualität’ mit dem Fazit einer angestrebten .komparatistischen Imagologie’ auf historischer territorialer Grundlage machen jedenfalls das Publikum und Herrn Budňák sicher, in den weiteren , eben den literaturgeschichtlichen Kapiteln nicht veralteten Verfahrens- und Ausdrucksweisen zu verfallen.

Schon die Überschrift verweist genau besehen auf die große Selbständigkeit der Vorgehensweise, indem sie primär nur zwischen deutschböhmischer und deutschmährischer Literatur zu unterscheiden unternimmt. Damit wird man von vornherein neugierig gemacht auf die notwendigen zusätzlichen, womöglich – und denn auch tatsächlich - ebenfalls selbständig erarbeiteten Unterscheidungen beziehungsweise Kategorisierungen. Auf fällt dabei besonders, dass die behandelten deutschsprachigen jüdischen Schriftsteller (unseres gegenwärtigen Verständnisses) seit dem frühen 19 Jahrhundert und auch noch der jüngeren Zeit vor dem zweiten Weltkrieg stets unter anderen Gesichtspunkten behandelt werden – in der immer wieder aufscheinenden Erkenntnis, dass in aller Regel das Konzept einer deutsch-jüdischen neben einer deutsch-mährischen und deutsch-böhmischen Literatur sowohl dem Selbstverständnis der deutsch schreibenden Autoren als auch dem vermittelten Bild der Tschechen und des Tschechischen zufolge nicht adäquat ist und sich eher späterer und heutiger Einsicht oder politischer Korrektheit verdankt. Die Vorgehensweise der Dissertation sieht bei der Behandlung der einzelnen Werke und Autoren des Untersuchungszeitraums in Kapitel 2 (,Der Wandel des literarischen Bildes der Tschechen’) und der einzelnen Facetten des trotz des Wandels relativ konstanten Stereotyps in Kapitel 3 (,Das Bild des Tschechen, der Tschechin: Charaktertypen’) jedenfalls weitgehend ab von der Gewichtung biographischer Daten, von historisch-soziologischen Hintergrundinformationen und von realitätsbezogenen Bewertungen der Fremd- und Feindbilder, die sich immer eher als verdeckte Auto-Stereotypen, Aussagen über die eigene Befindlichkeit der Autoren, von großer unterschiedlicher Komplexität und Variabilität zu erkennen geben und zu erkennen geben sollen, zumal in den Analysen von längeren erzählenden Texten, die denn auch die wesentlichen Untersuchungsgrundlagen darstellen. Herr Budňák lässt die Intentionalität der Werke in den gelungenen einlässigen reflektierten Darstellungen eindrücklich selbst zu Wort kommen und das Urteil nicht durch eine vorgegebene Außensicht vermittelt sein. Er praktiziert so, scheint es für den älteren Germanisten, eine Art methodologisch abgesicherter, reflektierter werkimmanenter Interpretation.

Nicht als grundsätzlicher Einwand soll gelten, dass man die notwendigerweise beschränkte Auswahl doch auch durch bekannte Texte vervollständigt wünscht; so vermisst man Werkanalysen zu Stifter und Mühlberger und zu manchen einschlägigen lyrischen Texten wie der ‚Volksweise’ von Rilke über ,böhmischen Volkes Weise’. Auch ist die offenbar als leidig empfundene Notwendigkeit des Erarbeitens einer wissenschaftlichen Typologie, der Budňák vor dem Hintergrund seiner umfassenden einlässigen Literaturkenntnis bemerkenswert zurückhaltend nachkommt, um den verschiedenen Texten  beziehungsweise ihren differenzierten Stereotypen keinen Zwang anzutun, in dem zweiten, besonders perspektivenreichen literaturwissenschaftlichen Kapitel dann doch der Anlass, dass bestimmte, auch historisch vorgegebene Rollenbilder zwar in den jeweiligen Blick kommen, aber nicht als besondere Stereotypen benannt werden. Doch fasziniert die stereotyp-charakterisierende Summe der zahlreichen Erkenntnisse aus der vergleichenden Präsentation literarischer tschechischer Charaktertypen in den beiden Unterkapiteln ,Die tschechische Geliebte’ und – als Gegenpol – ,Der tschechische Heftige’ gleichwohl mit jedem Einzelaspekt.

Zurück zum zweiten Kapitel. Das historisch vorgegebene Unterscheidungsmerkmal ,böhmisch-mährisch’ überrascht auf den ersten Blick natürlich nicht so sehr, wenn man den Untersuchungsgegenstand der Arbeitsstelle in Olmütz im Blick hat, und man wundert sich nicht, wenn immer wieder und am Ende die Divergenzen zwischen böhmischer und mährischer deutschsprachiger Literatur bei der Bestimmung der deutschen Fremdbilder angesprochen werden, jeweils an konkreten Texten belegt und immer wieder neue Perspektiven eröffnend. Das genannte, in der Überschrift angedeutete Strukturierungsprinzip wird aber in der tatsächlichen Gliederung und Darstellung naheliegenderweise überlagert durch einen vorwaltenden, wenn auch nicht prononcierten chronologisch-historischen Aspekt in Kapitel 2, über den „Wandel des literarischen Bildes der Tschechen“. Wobei konkret auf eine (heute nur noch wenig beeindruckende) Frühphase landespatriotischer Literatur im frühen 19. Jahrhundert unter dem Stichwort ‚Bohemismus/Moravismus’ mit wenigen Autoren dann gewissermaßen als immer noch Gültigkeit beanspruchende, moderate Moderne die ‚Mährischen Realisten’ und danach noch ‚Späte Mährer’ folgen, worauf die nachrealistisch modernere, im wesentlichen auch spätere deutsch-böhmische Literatur überraschenderweise, aber im Prinzip und von der Geschichte her verständlich unter ‚Die Prager’ zusammengefasst wird. Sowohl bei den behandelten ‚mährischen Realisten’ (Marie von Ebner-Eschenbach, Jakob Julius David, Ferdinand von Saar) als auch bei den ‚Pragern’ (Rilke, Brod, Werfel) – durch die Gruppen-Bezeichnungen wird auch die eher ländliche oder urbane Orientierung der Texte deutlich – werden meistens mehrere Werke eines Autors analysiert, wodurch die positive Gewichtung der im übrigen stets bemüht verhaltenen literarischen Bewertung angedeutet erscheint, während die ‚späten Mährer’ gewissermaßen nur als Bestätigung der vorhergehenden Analysen kürzer abgehandelt erscheinen.

Mit jeweils nur einem Werk und damit auch schon klassifiziert werden die bemerkenswert neutral benannten ‚nationalen Autoren’, die deutschnationalen Verfasser bis hin in die Nazizeit, am Ende behandelt, als Gegenpol zu den eingangs genannten ‚Patrioten’, den Endpunkt einer mentalen Entwicklung von den positiven, aber nicht mehr recht attraktiven landespatriotischen Anfängen hin zum negativen Ende in der Vorkriegszeit vor l938/39 markierend. Die deutsch-nationalen Autoren, von dem dezidiert deutsch orientierten Fritz Mauthner jüdischer Herkunft (1877) über Hans Strobl (1913), Erwin Heine (1924) zu Robert Hohlbaum (1936) und Gottfried Rothacker (1936) sind offensichtlich nicht mehr inhaltlich in deutsch-mährische und deutsch-böhmische zu scheiden, weil für sie die alten territorialen Traditionen nicht mehr relevant sind, und sie sind mentalitätsmäßig offensichtlich, um einen von Budňák fast durchweg vermiedenen, ungerechtfertigt abgrenzenden Terminus zu verwenden, dem ,sudetendeutschen’ Rand und den deutschen Sprachinseln der böhmisch-mährischen Territorien zuzuordnen, mit einem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend dezidierten Feind- statt Fremdbild der Tschechen, auch wenn die dargestellte nationale Konfrontation und die als missglückt oder verfehlt gezeichnete Annäherung, von Budňák in mehrfacher Gestaltung vorgestellt. in der zweisprachigen Universitätsstadt Prag besonders bildhaft zum Thema wird; doch spielt entsprechend der Herkunft der Autoren jetzt auch das dörfliche Umfeld wieder eine Rolle wie bei den mährischen Autoren, nunmehr aber eines in den Sprachgrenzgebieten.

Um ein Fazit zu ziehen: Die Arbeit zeigt bei aller Theoriebewußtheit am Anfang und allem Differenzierungvermögen am Ende eine ungewöhnliche Offenheit, die eher Materialien und Methoden des Herangehens präsent und plausibel macht und vorführt als abschließende Urteile fällt, schon gar nicht über die Berechtigung der vorgestellten ,Bilder der Tschechen’ in der vorgestellten Literatur ihrer deutschen Landsleute, die er nicht als objektive Wiedergabe von Realität, sondern „wo möglich als Ausdruck der Befindlichkeit“ nicht so sehr der Deutschen im Lande allgemein, als der einzelnen deutschen Schriftsteller mit ihrer „mental – und anschließend textuell – konstruierten Repräsentation des Fremden“ (Seite 282) gewertet wissen will, deren spezifischer Hintergrund allerdings anderweit noch genauer zu bestimmen wäre.

Was Budňák abschließend zu seiner bei aller Minutiosität und Skrupulosität leserfreundlichen und literaturverbundenen Arbeit und Arbeitsweise sagt, entspricht dem sehr positven Gesamteindruck: „Analytische Genauigkeit und interpretatorische Mäßigung“ sind ihm offensichtlich tatsächlich „Pflicht“ gewesen, und diese Mäßigung schließt Offenheit ein, im Wissen, dass „Vollständigkeit“ (Seite 284) nicht erreicht werden konnte, wohl aber eine einsichtige Vorstufe einer Gesamtschau. Die Arbeit verdient so allen Respekt durch ihre exemplarische Repräsentationen und innovativen Kategorisierungen. Ich empfinde die Arbeit wie die Gutachter und Preisvergaber als eine ungemeine Bereicherung auf dem notwendigen Weg von Fremd- und Feindbildern der Vergangenheit zur Selbsterkenntnis, auf deutscher und auf tschechischer Seite. Ich gratuliere Herrn Budnak zu dieser Leistung und der Universität Olmütz und seinen Lehrern und Lehrerinnen zu diesem Schüler .

 

Frankfurt am Main, 22. Oktober 2008.

 

Prof. Dr. Ernst Erich Metzner